Startklar für Rio

Startklar für Rio

Dr. Lutz zur Anreise und Wettkampfvorbereitung der Olympiateilnehmer

Die Olympischen Sommerspiele im brasilianischen Rio de Janeiro haben am gestrigen Freitag mit der Eröffnungsfeier begonnen. Bis zum 21. August wird die Sportwelt die Leistungen der über 10.000 Athletinnen und Athleten (darunter rund 450 Deutsche) genau verfolgen. In den letzten Tagen reisten die ersten Sportler des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in die Millionenmetropole am Zuckerhut. Der renommierte Erfurter Sportmediziner und Olympiaarzt Dr. Gerald Lutz spricht in seinem Blog-Interview auf www.sportmedizin-check.de über die lange Anreise, Akklimatisierung und die Vorbereitung auf die Wettkämpfe.

Herr Dr. Lutz, Sie selbst betreuen einige aussichtsreiche Olympioniken von Rio. Was haben Sie ihnen für Tipps bei der Vorbereitung des Trips und für die lange Anreise gegeben?

In Vorbereitung auf Olympische Spiele findet durch den leitenden Olympiaarzt immer ein vorbereitendes Medizinseminar statt. Hier werden klare Handlungsempfehlungen für die Anreise ausgegeben. Bei Anreise nach Übersee sind grundsätzlich immer zwei Aspekte zu beachten. Zum einen der Jetlag und zum anderen die Infektprophylaxe bei Langstreckenflügen.

Bei Anreise in Richtung Westen sollte in Vorbereitung auf die Zeitzonenverschiebung 2-3 Tage vorher begonnen werden länger zu schlafen, um den Tag „nach hinten zu verschieben“. Bei Ankunft sollte darauf geachtet werden nicht zu schlafen, sondern das Tageslicht zu nutzen und bis ca. 20:00 Uhr Ortszeit wach zu bleiben. Dies ist erfahrungsgemäß wegen der Vorfreude und auch der Anspannung bei der Anreise zu Olympischen Spielen leicht möglich.
Bei Interkontinentalflügen ist es sinnvoll Kompressionsstrümpfe zu tragen. Außerdem sollte pro Stunde ca. 100-200 ml Wasser getrunken werden. Hinsichtlich der trockenen Luft durch die Klimatisierung ist es sinnvoll mit Mikroinhalatoren die Schleimhäute zu befeuchten. Das beugt Atemwegsinfekten gut vor.

Der Diskuswerfer Robert Harting hat sich gegen die Teilnahme an der Eröffnungsfeier entschieden und somit auch das Tragen der deutschen Fahne ausgeschlagen. Er begründet das mit der hohen Belastung und der Unterbrechung in der Vorbereitung. Eine für Sie nachvollziehbare Entscheidung?

Grundsätzlich liegt es in der Entscheidung jedes einzelnen Athleten, ob er an der Eröffnungsfeier teilnehmen möchte. Beispielsweise findet im Eisschnelllauf häufig das 3000 m Rennen der Frauen ein bis zwei Tage nach der Eröffnungsfeier statt. Viele Athleten entscheiden sich dann im Sinne des Wettkampfes gegen eine Teilnahme an der Eröffnungsfeier. Die „Opening Ceremony“ ist für die Athleten schon eine Belastung. Meist müssen sie kurze Zeit nach ihrer Ankunft bis zu 2-3 Stunden stehen und auf den Einmarsch warten. Somit ist die Entscheidung von Robert Harting gut nachvollziehbar.

Sie selbst waren bei den letzten 2 Olympischen Winterspielen als Teamarzt dabei. Wie oft sind sie mit dem Team bei der Eröffnungsfeier eingelaufen und wie kann man das Gefühl beschreiben?

In Vancouver 2010 und Sotchi 2014 hatte ich die Gelegenheit mit dem deutschen Olympiateam zur Eröffnungsfeier einzumaschieren. Dies war ein absolut bewegender Moment für jeden Teilnehmer, es ist der Zeitpunkt an dem man die ideelle Bedeutung und die Größe der Spiele verinnerlicht.

Das Olympische Dorf beherbergt die über 10.000 Sportler auf sehr engem Raum. Was sind Ihre Erfahrungen beim Einleben ins neue Umfeld?

Jede Nation wird in einem eigenen Haus oder auf gemeinsamen Etagen untergebracht. Viele kennzeichnen ihr neues Zuhause mit der eigenen Nationalfahne. Das deutsche Haus in Sotchi war sehr gut eingerichtet. Manchmal sind die Zimmer etwas knapp, sodass auch unter den Betreuern eine WG eingerichtet wird um den Sportlern die besten Bedingungen zu verschaffen. Die Zimmer sind zweckmäßig eingerichtet aber bieten keinen Sterneluxus wie im Hotel.

Das Klima in Rio und Deutschland unterscheidet sich stark. Wie lange braucht ein Athlet um sich dabei anzupassen? Was muss man für die Wettkampfvorbereitung berücksichtigen?

Rio de Janeiro liegt bekanntermaßen in der tropischen Klimazone unterhalb des Äquators. Somit ist im Monat August Winter. Das bedeutet durchschnittliche Höchsttemperaturen um 25°, teilweise natürlich auch deutlich mehr. Grundsätzlich muss die Wärme und die hohe Luftfeuchtigkeit beachtet werden.
Die Anpassung ist dabei sehr individuell. Einige Sportler kommen von Anfang an sehr gut damit zurecht, andere weniger. In der Regel sollte aber eine Anpassung innerhalb von wenigen Tagen möglich sein. Grundsätzlich ist in diesem Klima natürlich auf ausreichende Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr zu achten. Dies betrifft insbesondere Ausdauerdisziplinen wie klassischerweise den Marathon.
Es gibt Sportarten, denen kommt die Wärme immer zugute. Ich weiß, dass der deutsche Sprintstar Julian Reuss es sehr gern hat Wettkämpfe bei hohen Temperaturen zu absolviert.

Die ersten Fotos aus dem Olympischen Dorf zeigen Speisesäle für bis zu 1000 Gäste. Was haben Sie für Erfahrung mit der Qualität der Versorgung während der Spiele gemacht? Gibt es immer alles was die Akteure brauchen oder wird da auch mal alleine gekocht?

Die Verpflegung bei den Olympischen Spielen ist standardisiert. Meist wird immer ein sogenanntes großes Essenszelt aufgebaut. Die Angebote sind vielfältig: einheimische Spezialitäten, mediterrane Küche, asiatische Küche, vegetarische Küche, teilweise arabische Küche mit Helal. Ach der obligatorische McDonald’s fehlt nicht.
Die Speisesäle sind rund um die Uhr geöffnet. Nicht alkoholische Getränke sind in den verschiedensten Varianten unbegrenzt erhältlich. Somit ist eine sehr ausgewogene Ernährung für die Sportler gut möglich. Nach zwei Wochen Aufenthalt sehnt man sich trotz des reichhaltigen Angebots auch mal wieder nach anderen Speisen. Insgesamt ist das Angebot jedoch sehr gut.

Stichworte Ernährung und Wettkampfvorbereitung. Die Wettkämpfe sind der Höhepunkt des Sportjahres und etwas Besonderes für jeden Teilnehmer. Wann beginnt man mit der Wettkampfvorbereitung im Idealfall und auf was achten die Sportler in der Vorbereitung aber auch zwischen den Wettkämpfen am meisten?

Die Wettkampfvorbereitung ist individuell sehr unterschiedlich. Dies hängt auch von der Sportart, von der Entfernung der Sportstätte zum olympischen Dorf und von der Tageszeit ab.
In Sotschi waren ideale Bedingungen für die von mir betreuten Eisschnellläufer. Das deutsche Haus war nur 8 Gehminuten von der Eishalle entfernt, so dass man 60-120 Minuten vor Wettkampf die Unterkunft in Richtung Wettkampfstätte verlassen konnte. Jeder hat abhängig von der Sportart sein eigenes System der Vorbereitung. Diese Prozesse sind hundertfach durchgespielt und die Athleten beherrschen die Abläufe nahezu automatisiert.

Vom Sportmediziner zum Sportfan. Sie fiebern sicher mit allen Ihren „Schützlingen“ mit. Was ist ihr größter Wunsch, ihre größte Hoffnung für die Spiele?

Es ist wirklich eine sehr beeindruckende Leistung, wie sich die Erfurterin Kristina Vogel nach ihrem schweren Unfall wieder zurückgekämpft hat und mit nur 21 Jahren zur Olympiasiegerin in ihrer Disziplin Bahnrad wurde. Es wäre mehr als beeindruckend, wenn Sie weiter an der Spitze mitfahren würde. Natürlich wünsche ich dem gesamten starken Erfurter Bahnradteam viel Erfolg.

Dem aktuell besten deutschen Sprinter über 100 m und Halter des deutschen Rekords, Julian Reus, drücke ich natürlich persönlich sehr die Daumen für ein erfolgreiches Abschneiden.