Wenn es in der Wade zwickt…ist meist der Rücken schuld

Wenn es in der Wade zwickt…ist meist der Rücken schuld

Das Deutsche Team hat die Gruppenphase der EM gut gemeistert und bekommt es im Achtelfinale mit der Slowakei zu tun, dann würden im Falle eines Sieges die ganz harten Brocken warten.

Kaum vorstellbar, dass die zentrale Stütze der Innenverteidigung, Jerome Boateng, dabei verletzungsbedingt ausfallen könnte. Erst die Hüftprellung und nun Wadenprobleme. Eine echte Herausforderung für die Mediziner und Physios um Dr. Müller Wohlfahrt und Klaus Eder. Viele Fans fragen sich was mit Boateng los ist und ob er schwerer verletzt ist?

Fakt ist, dass man bei seinen Problemen in der Wade mittlerweile von einer Neurogenen Verhärtung spricht. Diese Art der Musekelverhärtung hat mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ihre Ursache nicht im Bein, sondern in der Wirbelsäule.

Wadenprobleme können grundsätzlich in vier Kategorien eingeteilt werden. Zuallererst natürlich denkt man an Verletzungen, wie zum Beispiel Muskelzerrung, Muskelfaserriss oder Muskelbündelriss, aber auch an die Wadenprellung durch einen Tritt des Gegners.

Daneben gibt es die klassische Überlastung durch Fehlbelastungen. Hier können Technikfehler eine Rolle spielen, aber auch Fußfehlstellungen oder Hüftfehlstellungen. Äußere Faktoren können witterungsbedingte Kühle, Nässe, tiefe Böden, neues Schuhwerk, zu harte Schuhe ohne Dämpfung, etc. sein.

Als dritte Ursache kommen sogenannte segmentale Störungen infrage. Hierbei handelt es sich, wie höchst wahrscheinlich bei Boateng, um Nervenkompressionssyndrome insbesondere im untersten Segment der Lendenwirbelsäule. Die Nervenkompression kann dann zu einer höheren Spannung der Wade führen.

Eine weitere große Gruppe ist in Stoffwechselstörungen zu sehen. Fast allen ist der Muskelkater als Folge einer Überlastung bekannt. Die mangelnde Versorgung des Muskels führt letztendlich zu mikrostrukturellen Verletzungen mit einer reaktiven Entzündung und Schwellung des Muskels.

Muskuläre Probleme oder Muskelverletzungen der Oberschenkel- und Unterschenkelmuskulatur gehen sehr häufig von der unteren Lendenwirbelsäule/ Becken aus. Ein punktueller sehr stechender, plötzlich einsetzender Schmerz während einer Belastung, kann ein Hinweis für einen Muskelfaserriss sein. Ein vermehrtes Druckgefühl oder Spannungsgefühl welches nicht zwingend mit der Intensität der Belastung zusammenhängen muss, kann auf ein wirbelsäulenbedingtes Problem hinweisen.

Mit Blick auf die aktuellen Wadenprobleme des Nationalspielers könnte es natürlich auch einen Zusammenhang mit der Hüftprellung geben. Im Rahmen der Prellung baut sich eine Muskelverspannung auch in der Gesäßmuskulatur auf. Gerade das Gesäß beinhaltet sehr viele verschiedene Muskeln, zwischen denen der Hauptnerv, der sogenannte Ischiadikus verläuft. Verspannen sich diese Muskeln, dann kann über eine Kompression der Nerven eine Spannungszunahme der Wade resultieren. Die Wade kann dann immer wieder „fest“ werden.

Die Auswechslung von Boateng im letzten Gruppenspiel war also die richtige Entscheidung des Betreuerteams. Egal ob Spitzenathlet oder Amateur, wenn ein Sportler eine vermehrte Spannung in einem Muskel spürt, sollte in der Regel die Belastung abgebrochen werden. Bei einfachen Muskelverspannungen lohnt es sich die Durchblutung kurzfristig zu erhöhen, zum Beispiel durch Radfahren gegen leichten Widerstand. Außerdem sollte der Flüssigkeitsverlust entsprechend ausgeglichen werden. Bei starken Belastungsreaktionen oder leichten Verletzungen hilft auch das Eisbad zur Regeneration.

Ich bin mir fast sicher, dass unser deutsches Team im Achtelfinale gegen die Slowakei nicht baden geht und wünsche Ihnen ein spannendes und hoffentlich verletzungsfreies Achtelfinalspiel.

Herzlichst,
Ihr Dr. med. Gerald Lutz